Buchvorstellung

Herz und Fuß

Autor: Anne Bax
Seiten: 288
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-88769765-5
Preis: 9,90 €

Buchvorstellung von Iris Banciu

“Herz und Fuß” von Anne Bax ist das erste Buch was ich von Anne Bax gelesen habe und es hat mich sofort überrascht, wegen der Art der Schriftstellerin trockenes Humor und Wortwitze zu benutzen, während sie eine nachvollziehbare und lebendige Geschichte erzählt.

Im “Herz und Fuß” geht es um eine Aufsichtskraft, Charlotte, die nach frühere Enttäuschung in der Liebe keine weitere romantische Beziehung eingegangen ist. Ihr Alltag besteht darin, ein Museum in ein Gasspeicher zu beaufsichtigen und manchmal über Liebe auf der Plattform des Gasspeichers zu träumen. Charlottes Alltag wird aber durch ein grausamen Fund am Arbeitsplatz zerstört, was allerdings auch ermöglicht dass eine neue weibliche Figur in ihr Geschichte eingeführt werden kann.

Das Buch „Herz und Fuß“ von Anne Bax ist ein Gernemix aus Thriller und Liebesgeschichte und ist der erste Roman der Schriftstellerin. Sie kann den lesbisichen Alltag und die Träume von Liebe sehr gut darstellen, so dass sich jeder Leser angesprochen fühlen kann.

Anne Bax macht den Leser sofort mit Charlottes Alltag und Gedanken vertraut, wodurch die Hauptfigur von Anfang an dem Leser sympathisch wirkt. Die Hauptfigur gewinnt an Komplexität durch die Beziehung zu ihrer Mutter. Einige Figuren werden im Gegensatz zu der Hauptperson nur wenig entwickelt. Sie wirken dadurch einseitig und blass. Ich sehe einige davon nur als Mittel zum Zweck für die Entwicklung der Geschichte. Das hat mich aber nur im Nachhinein gestört, als ich mir gewünscht hatte, weitere Werke mit diesen Charakteren lesen zu können.

Der Krimiplot der Geschichte ist ausführlich und plausibel ausgearbeitet. Die Aufklärung des Fundes am Arbeitsplatz ist der Schwerpunkt des Buches, währenddessen die Liebesgeschichte nur ein kleineren Teil annimmt und sich vorhersehbar entwickelt. Der Aufhänger des Buches bleibt von Anfang bis zur Ende die Hauptproblematik des Buches und entwickelt sich plausibel und gut rythmiert.

Die Liebesgeschichte zwischen Charlotte und ihrer neuen weiblichen Bekanntschaft erfüllt zwar einige Klischees, diese wird aber von der Schriftstellerin so entwickelt dass es mich wenig gestört hat. Die Problematik der Liebesgeschichte ist einer dieser lesbischen Klischees und gleichzeitig die größte Schwachstelle des Buches.

Persönlich kann ich dieses Buch sehr weiterempfelen. Es ist angenehm zu lesen, die Art und Weise wie die Schriftstellerin sich ausdrückt ist humorvoll und hat mir zugesagt. Die Geschichte ist spannend, weder der Krimiplot noch die Entwicklung der Liebesgeschichte zwischen Charlotte und ihren Schwarm ist langweilig. Am Ende des Buches wünscht man sich, dass Anne Bax schnell eine Fortsetzung veröffentlicht.

 

Schlampen mit Moral – Dossie Easton & Janet W. Hardy

 
Copyright © mvg Verlag
Autor: Dossie Easton & Janet W. Hardy
Seiten: 304
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-868-82508-4
Preis: 16,99 €

Der Titel mag abschreckend klingen, aber vielleicht wird er angenehmer zu lesen, wenn man die Moral darin besonders betont. Zugegeben, im Deutschen wirkt auch das noch nicht so versöhnlich. Nehmen wir dies erst einmal so hin, denn was macht Ethik im sogenannten Schlampenleben aus? Und woher kommen all die negativen Bilder, die man beim Wort Schlampe vor Augen hat? Was sexuelle Freizügigkeit angeht, hält die Gesellschaft sofort gewisse Werte parat. Doch nicht nur darum und um das Hinterfragen dieser Werte geht es in diesem Buch, sondern in erster Linie sogar um das glückliche Zusammenleben von Menschen im Allgemeinen.

Hierbei werden ganz grundlegende Tipps zum Zusammenleben und miteinander auskommen im Allgemeinen geliefert. Zunächst: Man kann mehr als nur einen Menschen lieben. Wenn man näher drüber nachdenkt, ist das sogar ganz logisch. Wenn Eltern mehrere Kinder haben, werden diese in der Regel ja auch gleichermaßen geliebt. Es gibt keinen inneren Vorrat an Zuneigung, den man Gefahr läuft aufzubrauchen, sollte man mehr als nur eine Person lieben, sondern Zuneigung und Liebe sind unerschöpflich. Das einzige, was passieren kann, ist dass sie durch andere Gefühle verdeckt werden.

Und hier ist es wichtig, die Ursachen bei sich selbst zu suchen. Auch hierauf geht das Buch ein. Wer für negative Stimmungen anderen die Schuld gibt, wird dadurch nicht glücklicher. Dabei kann jegliche als negativ empfundene Emotion eine Chance sein, über sich selbst zu lernen. Warum fühle ich so? Was ist der Auslöser? Was kann man an der Situation verbessern, um die negativen Emotionen zu vermeiden?

Bei all der Selbst- und Situationsanalyse sollte man jedoch nicht vergessen, sich selbst weiterhin zu lieben. Nur wer mit sich selbst im Reinen ist, kann offen auf andere Menschen zugehen. Und auch ganz wichtig: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen und auch in zwischenmenschlichen Interaktionen macht man selbst immer wieder einige Fehler. Diese Fehler darf man machen! Wie soll man sonst daraus lernen? Und man darf sie sogar mehrmals machen, denn nur durch wiederholte Übung kann man sich nach und nach verbessern.

Natürlich geht das Buch auch auf andere als die weit etablierten Beziehungsformen ein. Polyamorie und offene Beziehungen werden total selbstverständlich behandelt und Herausforderungen dieser Konstellationen beleuchtet. Wie geht man mit Eifersucht um? Was kann sie für Chancen bieten? Wie verhandelt man Abmachungen? Wie löst man Konflikte? Wie regelt man das Aufziehen von Kindern?

Vermutlich wird jeder beim Lesen dieses Buches das ein oder andere Mal an die Grenzen seiner Komfort-Zone geraten. Mir persönlich gab es an einigen Stellen neue Denkanstöße und hat dazu eingeladen, manche Ansichten aus neuer Perspektive zu betrachten. Und das alles in völlig natürlicher Sprache und Schreibstil. Man fühlt sich richtig wohl beim Lesen, da der Grundtenor ist, dass man selbst als Leser ein wichtiger Mensch ist, verstanden wird und natürlich auch verstanden werden will. Die Passagen sind sehr einfühlsam geschrieben und machen es leicht, sich selbst dabei gelegentlich in Frage zu stellen. Und ich halte dieses Buch für besonders wichtig, da es zu einem friedvolleren Zusammenleben der Menschen untereinander beitragen kann. Das fängt beispielsweise schon damit an, dass man anderen einen Dank aussprechen kann, wenn man angemacht wird. Auch wenn das vielleicht nervig ist, immerhin hat dort gerade jemand bekundet, dass du, genau du, in seinen Augen attraktiv bist. Ist das nicht Anerkennung wert?

Was in Beziehungen hilft, hilft sicherlich auch im Alltag, auf Arbeit, im Freundeskreis oder wo man noch überall mit anderen Menschen kommuniziert. Überall dort sollte man nichts als selbstverständlich voraussetzen, sondern über Erwartungen reden. Somit ist diese Lektüre trotz des Fachbuchcharakters und der Notwendigkeit, sich zum Lesen immer mal einen Stubs verpassen zu müssen, absolut lesenswert.

Robert T.

 

Unser Buchtipp: boy2girl von Terence Blacker

Copyright © Verlagsgruppe BELTZ

Als Mädchen zur Schule gehen, obwohl man ein Junge ist? Für manche mag es ein Neuanfang für ein neues Leben sein. Für Sam gehört es zu einer Mutprobe, die er – das sei vorweggenommen – mit Bravour meistert und das sogar länger, als anfangs vorgesehen.

 

Aber fangen wir von vorn an: Sam ist in den USA unter schwierigen Umständen aufgewachsen. Sein Vater sitzt im Gefängnis, weil er „Dinger gedreht“ hat. Mit 5 Jahren schon wurde Sam sogar zu seinem Komplizen gemacht. Seitdem schlagen er und seine Mutter sich allein durch ein wildes Leben, bis sie plötzlich bei einem Verkehrsunfall stirbt, als Sam 13 ist. Nach dem Testament seiner Mutter geht das Sorgerecht auf seine Tante über, die mit ihrem Mann und einem gleichaltrigen Sohn in London lebt. Dort mag er sich zunächst nicht in das schnöde Leben eingliedern, wird zwar von seinem Cousin Matt in dessen Freundeskreis integriert, provoziert dort aber und fliegt gleich wieder raus. Ein blöder Schachzug, wie er erkennt, denn so ist er ganz allein. Also bittet er, in die Gang zurück zu dürfen und schlägt sogar eine Mutprobe vor, um sich behaupten zu können. Doch mit dieser Mutprobe hat er nicht gerechnet: Er soll in der ersten Schulwoche als Mädchen zur Schule kommen, um die den Jungs verfeindete Mädchenclique zu unterwandern und aufzumischen. Zum Erstaunen der Jungs gliedert er sich aber derart gut ein, dass man selbst als Leser den Eindruck bekommt, ob in Sam nicht sogar transsexuelle Tendenzen schlummern.

 

Mittlerweile ist Sams Vater, Crash genannt, aus dem Gefängnis frei gekommen und hat von dem Verbleib seines Sohnes in London gehört. Da außerdem ein Erbe eine große Rolle spielt, beschließt er, Sam zurück zu holen und reist mit seiner neuen Flamme Ottoleen nach England. Dort ist Stunk natürlich vorprogrammiert und um Sam vor Crash zu verstecken, wird die boy-to-girl-Nummer spontan verlängert. Dabei zieht die Verkleidung immer obskurere Kreise in der Schule, angefangen von einem Date mit dem Mädchenschwarm aus der 10. Klasse bis hin zu einer übereifrigen Mutter, die alles daran setzt, dass ihr Sohn auch mal eine Freundin abkriegt. Den Höhepunkt der Geschichte bietet letztendlich die Talentshow der Schule, in der auch Sam mit seiner Mädchenband auftritt und in der plötzlich Crash und Ottoleen unter den Zuschauern sitzen. In einem dramatischen Moment platzt Sams Tarnung…

 

Wenn auch keine echte Trans-Thematik in dem Buch verpackt wird, so wird doch stark mit Geschlechterrollen gespielt und provoziert, weil eben ein Junge, der in einer gutbürgerlichen Schule für ein Mädchen gehalten wird, mächtig Staub aufwirbelt. Was ist denn typisch männlich und typisch weiblich? Kann ein Junge nicht auch Gefühle zeigen? Dürfen Mädchen nicht auch American Football spielen und sich im Schritt kratzen? Wie kritisch ist der Vorwurf zu sehen, Sam werde wegen seiner neuen Rolle selbst immer mehr zum Mädchen? Es ist gut, dass die Figur Sam mit allem souverän umgeht und einfach ihre eigenen Regeln schafft: „So sind wir Mädchen eben“, rief er. „Wenn ihr das nicht rafft, ist das euer Problem“. Leider kann das Ende des Romans nicht überzeugen und wirkt unrealistisch.

Unser Herbstbuch: Die Mitte der Welt (von Andreas Steinhöfel)

Cover
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Das Leben verläuft nicht linear und immer einer geraden Schnur folgend. Mit Erinnerungen ist es genauso. „Die Mitte der Welt“ erzählt aus dem Leben von Phil und all den Menschen um ihn herum und allein deshalb ist es schwierig, all den Inhalt in wenige Worte zu fassen. Ein sympathischer Spielmann sagte einmal, was man für das Ende einer Geschichte halten könnte, ist in Wahrheit schon der Beginn einer neuen. Auch Phil sucht an einigen Stellen nach dem Punkt, an dem alles angefangen hat. Also wo beginnt die Geschichte von der Mitte der Welt?

Der Roman selbst beginnt mit der Reise von Glass, Phils Mutter, von Amerika über England zum Schloss Visible und dort angekommen, mit dem Beginn von Phils Leben. Er endet damit, wie der 17-jährige Phil an Bord eines großen Frachtschiffes geht, um von Europa nach Amerika zu gelangen, dort einen neuen Abschnitt seines Lebens zu beginnen und nach seinem Vater zu suchen. Dazwischen passiert ähnlich viel, wie man selbst in den ersten 17 Jahren seines eigenen Lebens erlebt hat. Dabei scheint irgendwie alles miteinander zusammen zu hängen, aber dem kompletten Netz an Geschichten wird man erst am Ende gewahr. Bis dahin erfahren wir beispielsweise davon, wie Phil seine beste Freundin Kat in frühen Kindheitstagen im Krankenhaus kennengelernt hat, als er zur Angleichung seiner abstehenden Ohren unters Messer musste. Oder davon, wie er mit 14 Jahren auf eine Schiffsreise von Gable (einem Verwandten aus „einer entfernten Seitenlinie der Familie“) mitkommen durfte und im Mittelmeerraum ein eigenes erstes sinnliches Abenteuer erlebt. Oder davon, wie er und seine Zwillingsschwester Dianne sich am Fluss gegen eine Gruppe anderer Kinder aus seiner Klassenstufe verteidigen mussten, die sie wegen ihres Außenseiterstatus überfielen. So erhält man ein Puzzleteil nach dem nächsten, das man zunächst wahllos auf dem Boden der eigenen Vorstellungskraft verteilt. Parallel dazu sind die Sommerferien gerade zu Ende und bei einem Eis bereden Kat und Phil noch die Erlebnisse aus dem Sommerurlaub und die Geheimnisse um Phils Vater, als zum neuen Schuljahr Nicholas neu in die Klasse kommt und sich Phil schnell in ihn verliebt. Er hat ihn sogar vor Jahren schon mal in der Stadt gesehen – auch dazu gibt es eine Geschichte – und seitdem nie wieder. Zur Freude des mitfiebernden Lesers kommen die beiden zusammen, aber einige Zweifel bleiben Phil noch. „Frag ihn nie, ob er dich liebt“, gibt ihm Glass als Rat auf den Weg. Immerhin scheint es zunächst gut zu laufen, denn Nicholas kommt auch mit Kat gut klar und ganz vorsichtig erhält Phil einen kleinen Einblick in Nicholas‘ Geheimnisse. Einen zu kleinen, wie Phil findet. Immer mehr bekommt er das Gefühl, dass er nicht so sehr zu Nicholas vordringt, wie er gern würde. Ihm fehlt Nähe und Sicherheit. Gleichzeitig ist die Angst, zu schnell wieder verlassen zu werden, zu groß. Dass sich Nicholas und Kat dann sogar besser verstehen, als Phil zu denken vermochte (und doch insgeheim unterbewusst befürchtete), lässt ihn neben weiteren Hiobsbotschaften in einen dunklen Strudel fallen. Zuletzt – mittlerweile ist Winter und ein bedeutender Schauplatz ist eine weiße, von Schnee bedeckte Wiese – kommt es zu einem verhängnisvollen Vorfall, an dem Kats Exfreund Thomas und Phils früherer Schulfreund Wolf beteiligt sind. Zwischen Phil und Nicholas ist ab da an nichts mehr wie es war. Dafür werden die letzten Geheimnisse um seine Schwester Dianne und seine Mutter Glass gelüftet. Alles, was Phils Leben bis jetzt ausgemacht hat, scheint ins Wanken geraten zu sein. Immerhin kommt Phil am Ende nach längerem Hadern zu dem Schluss: „Noch immer glaube ich, den Boden unter meinen Füßen schwanken zu spüren, aber ich habe keine Angst mehr davor, zu stürzen. Es ist ein schönes Gefühl. Es ist das Gefühl von Leben in Bewegung“.

Unser Sommerbuch: Arbeit und Streben (von Holger Siemann)

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Der Titel allein mag in der heutigen Zeit abschrecken. Er riecht nach Konservatismus, nach Spinnweben, trockener Materie und vielleicht auch etwas Sozialismus. Letztere Vermutung liegt gar nicht so fern. Trotz vermutet staubiger Thematik liest sich das Buch flüssig weg, obwohl man am Anfang erst mit einer ganzen Schar an Familienmitgliedern vertraut gemacht wird. Das erste Kapitel wirkt sogar offensichtlich wie einzig dafür geschrieben, wenn Oma Johanna rekapituliert, wer aus ihrer Familie eigentlich was zum geplanten Frühjahrsball beitragen soll. Dabei wirkt der Frühlingsball wie ein Superevent, mit dem jeder aus der Familie andere Ziele verfolgt. Parallel dazu gilt es, die Firma Schöne Plastik, deren Geschäftsführerin Mutter Christa ist, endgültig aus der Krise zu führen, als ein Großauftrag aus China anklopft.

Insgesamt versucht das Buch, alle Bereiche und Themen des Lebens und einer Familie gleichzeitig unter einen Hut zu bekommen, was relativ gut gelingt. Man hat lediglich das Gefühl, dass in der kurzen Handlungszeit von gerade einmal anderthalb Monaten viel zu viel passiert, zwei Autounfälle und eine Firmenübernahme inklusive. Christa lernt beispielsweise eine neue Liebe kennen, die sie kurz darauf schon wieder verliert. Oder doch nicht? Der Freund der Tochter Cornelia landet letztendlich fast unschuldig in einer kurzen Affäre mit Marek, dem Cousin von Cornelia, der länger schon Augen für Sebastian hat. Tochter Cornelia arbeitet derweil emsig daran, einen Posten im Stadtrat zu bekommen und auf weite Sicht sogar die Bürgermeisterin abzulösen. Oma Johanna freut sich auf einen Besuch des Sohnes ihres gefallenen Bruders, Eugen, der nun plötzlich Eugenia heißt und gar nicht mehr männlich aussieht, aber großes Interesse für die Geschäfte der Firma zeigt.  Diesen und einigen weiteren Handlungssträngen, die sich wild abwechseln, fiebert man nach und am Ende ist kaum noch etwas so, wie es am Anfang war. In weiteren Rollen: Eine zerbrochene Ehe, eine Tochter, die mit ihrem Freund durchbrennt, eine ganze Menge Börsenspekulation, die wie ein Damoklesschwert über der Fabrik hängt und eine alte Holzkiste mit Relikten aus der Vergangenheit.

„Vergangenheit“ ist insofern noch ein gutes Stichwort, als dass es ausreichend Rückblenden gibt, die geschichtlich prekäre Situationen anreißen, wie die NS-Zeit und den Sozialismus. Dabei wird dem Leser überlassen, eine Wertung zu finden. Mit all dem, was auf den 384 Seiten beschrieben, erzählt und angedeutet wird, würde ich das Buch als hervorragend bezeichnen, wenn auch zum Prädikat „Meisterwerk“ noch ein wenig fehlt. Lesen lohnt sich aber auf jeden Fall. Eine gute Portion Konzentration muss man dabei selbst mitbringen.

Unser Frühlingsbuch: Rita Mae Brown – Jacke wie Hose

Keine_Bildcover_RechteUnterhaltsamer ist Geschichtsunterricht nie gewesen. Und berührender. Und lebendiger.

Die Geschichte zweier Schwestern, die permanent zanken und dennoch nicht ohne einander auskommen, wird über mehrere Jahrzehnte hinweg beleuchtet, wobei die Gesellschaft einer Kleinstadt genau an der Grenze zwischen Nord- und Südstaaten, Krieg, Prohibition und – natürlich – Schwulen- bzw. Lesbenrechte immer wieder alltägliches Thema sind. So erlebt man mit den Schwestern kindliche Streiche und das gewalttätige Niederschlagen eines Arbeiterstreiks, Schulabschlüsse und Kriegseintritt, und erfährt ganz nebenbei einiges über das Leben in der Mitte Amerikas von 1909 bis 1980.

Wie gewohnt ist Browns Sprache leicht und spielerisch, häufig ironisch und immer wieder sehr wahr. Ihre Charaktere sind alles besondere Frauen, wie die reiche, in einer mehr schlecht als recht verborgenen lesbischen Beziehung lebende Celeste und deren “Mädchen für alles” Cora, deren zänkische Töchter Dreh- und Angelpunkt der Geschichte darstellen, ohne dabei wirklich in alle Erlebnisse verwickelt zu sein. Durch die katholische Gesinnung der einen Tochter werden Themen wie gleich-geschlechtliche Liebe, Alkohol und Sex vor der Ehe religiös diskutiert und Brown schafft es, den kirchlichen Begriff der Sünde immer wieder intelligent und ironisch der menschlichen Natur und dem gesunden Menschenverstand entgegenzusetzen und die heuchlerische Art der Glaubensschwestern in ihrem Verhalten zu spiegeln, ohne direkt darauf hinzuweisen.

Wieder in der Gegenwart (1980) angekommen, lässt das Buch uns erschöpft zurück, mit dem Gefühl, etwas sehr Wahres über das Leben gelernt zu haben, das sich nicht richtig in Worte fassen lässt. Tiefsinnig und trotzdem leicht fließend wie das Leben selbst.

Unser Winterbuch: Rita Mae Brown – Die Tennisspielerin

Keine_Bildcover_Rechte“Die Tennisspielerin” erzählt von einer jungen Frau, deren Erfolge im Sport durch Gerüchte über ihr Liebesleben gefährdet werden. Beim Kampf gegen eine auf dem Platz ebenso starke Gegnerin werden psychologische Taktiken der Zermürbung wichtiger, je realistischer der größte aller Tennistriumphe, der Grand Slam, zu erreichen ist. Doch am Ende ist nicht nur der Grand Slam in Gefahr, sondern auch das ganze Leben des jungen Stars.

Durch eine detaillierte Darstellung aller Personen kommt der Roman etwas schwer in Gang, doch schnell hat Brown auch Tennisneulinge in ein atemloses Spiel hineingezogen, Kapitel und Abschnitte folgen rasant aufeinander wie die Aufschläge und am Ende bleibt man mit zittrigen Knien und erschöpft zurück, als hätte der Leser selbst die aufreibende Tennissaison hinter sich.

Das bereits 1984 in Deutsch erschienene Buch hat nichts von seiner Aktualität verloren. Die Umstände mögen sich gewandelt haben, ungefährlich ist das Coming-Out auch heute nicht, ebenso wenig wie das Wissen einer zur Gegnerin gewordenen Exfreundin. Doch neben diesem kritischen Potential verspricht “Die Tennisspielerin” auch reinen Lesespaß – auch für Nichtsportler.

Unser Herbstbuch: Klaus Mann – Der fromme Tanz

© Rowohlt Verlag
Copyright © Rowohlt Verlag

“‚Mein kleiner Andreas – ich weiß, du kannst mich nicht lieben – du liebst nicht die Frauen – wir wollen uns nichts vorlügen, wollen’s uns nicht leichter machen – aber gib mir deinen Mund.'”
Es ist wahrlich noch eine andere Sprache, die dieses Buch spricht. Eine Sprache, die es fertig bringt, von der ersten bis zur letzten Seite über die Erlebnisse eines Menschen zu schreiben, der sich in schillernden, teils travestiegeprägten Welten eine eigene Nische sucht, ohne auch nur einmal Worte, wie “homosexuell” oder “schwul” zu verwenden. Die oben zitierte Stelle ist es als einzige, an der die Orientierung von Andreas Magnus am deutlichsten zur Sprache gebracht wird. Es ist eine unschuldige Sprache – so unschuldig, wie unser Hauptcharakter im ersten Teil gezeichnet wird, daheim im väterlichen Hause, arbeitend an einem ersten großen Kunstwerk, mit dem Andreas seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden kann. Andreas, der selbst noch so unschuldig ist, wie der ganze Roman anfangs geschrieben wirkt in einer Sprache, die mittlerweile so fremd erscheint, dass es schwer fällt, sich mit dem Buch zu identifizieren, einen leichten Zugang zu finden. Darüber hängt fast drohend der Name Klaus Manns, ältester Sohn des großen Schriftstellers Thomas Mann. Auf die heutige Jugend mag das Werk abschreckend wirken. Sie identifiziert sich über andere Dinge. Überraschend wirkt derweil, dass ebenjenes Phänomen schon von Klaus Mann in die Gedanken des Andreas gelegt wird: Die “Jugend von heute” ist zu jeder Zeit schon schwer zu fassen gewesen. Auch daran krankt Andreas im Versuch, seiner eigenen Generation einen Charakter zuzuordnen.Reichlich naiv, gepaart mit dem jugendlichen Drang, alles auf einmal zu erfassen, wirken Andreas’ Gedanken zu Beginn des Werkes. Damit einher geht eine Verzweiflung, die ihn zunächst an die Böschung eines reißenden Flusses treibt, dann aber nach kurzer Besinnung immerhin noch fort von zu Hause und ins große Berlin! Hier ändert sich die Färbung des Romans frappierend. So wie Berlin auch heute noch von Ferne all jene anlockt, die von großer Karriere träumen, zeigt es ein hartes Gesicht, befindet man sich erst einmal inmitten des geschäftigen Großstadttreibens. Andreas durchlebt diesen Leidensweg, wird von den Umständen regelrecht in die Pension Meyerstein gespült und freundet sich dort mit den unterschiedlichen Bewohnern an. Dabei scheint ihn das Schicksal seiner Natur nach geleitet zu haben, denn ehe er sich’s versieht, steckt er inmitten der Berliner Travestie- und Schwulenszene der blühenden 20er Jahre, die allerdings aus mehr besteht als nur leuchtenden Scheinwerfern, Prosecco und beleibten Herren, die ihm Avancen machen. Hier schlägt sich Andreas einige Zeit durch, schließt viele Bekanntschaften und freundet sich mit Franziska an, durch die er anfangs erst aufgefangen wurde, als er wie ein Gestrandeter Bekanntschaft mit der Hauptstadt gemacht hat. Als die beiden beschließen, Urlaub in der Nähe von Dresden zu machen, lernt Andreas dort Niels kennen, in den er sich sofort verliebt. Doch Niels ist ein Charmeur vor den Frauen und denkt nicht daran, sich an Andreas binden zu lassen. Wo er sich zunächst den beiden Berlinern anschließt, um seinem bisherigen Leben und seiner fast-Adoptivmutter zu entkommen, so flüchtet er dann weiter, als er feststellt, dass es ihm auch in Berlin zu eng wird. Andreas reist ihm aus Liebe hinterher. Regelrecht clichéhaft wirkt es, dass nach der Szenestadt Berlin nun die Hamburger Reeperbahn, anschließend Köln und zuletzt die Stadt der Liebe, Paris, Stationen seiner Reise sind. Erst in Paris holt er Niels ein, muss dort jedoch abermals lernen, dass seine Liebe weiterhin unerwidert bleiben wird und Niels sich nicht zähmen lässt. Mit dem Beschluss von Andreas, aus Paris aufzubrechen, weiter in den Süden und dann von dort aus in den fernen Osten und nach Amerika zu reisen, endet das Buch. Mittendrin enthält es viel Grübelei über das Wesen der Menschen, über die Liebe und über das Leid, dass sie bringt, wenn sie nicht erwidert wird. Generell scheint hier nur die unerwiderte Liebe zu existieren, denn nicht nur hat sich Andreas in Niels verliebt, sondern erfährt er auch Liebe von mehreren Menschen, die er selbst nicht erwidern kann. All diese Konstruktionen wirken zuweilen etwas gekünstelt und während man noch glauben kann, dass Andreas durch einen Gönner aus Berlin die Suche nach Niels finanziert bekommt, wirkt es schon fraglich, ob die weitere Weltreise mit Hotelzimmern, und Flugzeugflügen im Verhältnis stehen. Nichtsdestotrotz lohnt es sich, dieses Buch zur Hand zu nehmen, um ein Gefühl für das Leben in den zwanziger Jahren zu bekommen, um zu erfahren, dass viele Probleme von heute bei weitem nicht neu sind und dass Krieg gerade dann besonders schrecklich wirkt,wenn man auf Einzelschicksale schaut. Und auch, wenn heute erste Strömungen beginnen, das Konstrukt Beziehung unter dem Punkt zu hinterfragen, wie viel “Anrecht” man eigentlich an dem anderen habe, so ist dieser Gedanke keinesfalls neu: “Vereinigung mit dem geliebten Körper ist uns niemals gegeben, des Menschen Körper ist alleine für alle Ewigkeit. Blieb aber diese Liebe, die also auf des Geliebten Besitz verzichtet hatte, groß genug, so konnte sie vielleicht dem geliebten Körper helfen in seiner Einsamkeit. […] So galt es, einen zu finden, dem man alles gab, ohne ihn zu besitzen, dem man helfend treu blieb bis in den Tod, ohne ihn zu besitzen.” Andreas Magnus.

Buch des Monats (Mai): Jan Stressenreuter – Wie Jakob die Zeit verlor

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“Januar 1986. Spanien und Portugal treten der Europäischen Gemeinschaft bei, deren Mitgliederzahl sich damit auf zwölf erhöht. Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterand und die britische Premierministerin Margaret Thatcher geben im nordfranzösischen Lille den Bau eines Eisenbahntunnels unter dem Ärmelkanal bekannt. […] Die US-amerikanische Raumfähre ‚Challenger’ explodiert 73 Sekunden nach dem Start in Cape Canaveral”. – Immer wieder ziehen sich solche geschichtlichen Rückblicke aus der zweiten Hälfte der achtziger Jahre durch den Roman von Jan Stressenreuter, die jedoch zuletzt immer auf einen Umstand hinweisen: Der AIDS-Virus breitet sich nahezu ungehindert aus und noch gibt es keine effektiven Medikamente, um ihm Einhalt zu gebieten. Diese Erfahrung durchlebt Jakob nahezu am eigenen Leibe, dessen Freund Marius mehr und mehr an Kraft verliert. Auch Jakob selbst ist HIV-positiv, doch aus irgend einem Grund ist das Virus bei ihm nicht so aggressiv. Über das Buch verteilt erleben wir in mehreren Passagen hautnah die komplette Geschichte ihrer Beziehung und den Leidensweg der beiden Liebenden mit. Doch letztendlich spielt das Buch und die Haupthandlung in der heutigen Zeit. Jakob arbeitet in einer Gärtnerei und hat durch diesen Job seinen Freund Arne per Zufall kennen gelernt. Doch die Beziehung läuft nicht gut. Jakob hängt immer noch Marius hinterher und kann sich nicht mit vollem Herzen auf Arne einlassen, was diesen auch belastet.

Jakob driftet umher und macht dabei in einem Pornokino die Begegnung mit einem Stricher, dem er einen unmotivierten und erfolglosen Abwehrversuch widmet. Zwar trennen sich ihre Wege nach kurzem wieder, doch das Schicksal treibt noch weitere Spiele mit ihnen. Unterdessen spitzt sich Jakobs und Arnes Krise weiter zu und Arne hält es letztendlich nicht mehr aus, dass Jakob noch immer in der Vergangenheit hängt. Er ergreift die Flucht und Jakob ist plötzlich allein.

Im weiteren Verlauf der Geschichte geschehen einige zufällige Begegnungen, verrückt-spontane Aktionen und an Dramatik fehlt es letztendlich auch nicht. Wie es allerdings dazu kommt, dass Jakob Arne und Philipp, dem besagten Stricher, gegenüber steht und eben nicht eine Entscheidung für den einen oder den anderen, sondern für beide zusammen zu treffen hat, dürft ihr gern selbst nachlesen.

Das Buch führt sehr plastisch und erlebbar sowohl die Zeit des Ausbruchs der AIDS-Epidemie vor Augen, erzählt aber auch einfühlsam und mit gewitzter Sprache die Geschichte einer Beziehung in der heutigen Zeit. Es gibt Gelegenheiten zum Lachen, Weinen, Mitfühlen und Freuen.

Buch des Monats (April): Rita Mae Brown – Schade, dass du nicht tot bist

Keine_Bildcover_RechteDie verschlafene Kleinstadt Crozet in Virginia döst in der typischen Sommerhitze, als auf einmal eine Reihe brutaler Morde die gewohnte Routine zerreißt. Die etwas zu neugierige Postbeamtin Harry ermittelt mit – oder eher parallel zu – ihren Tieren, der Corgishündin Tucker und der Katze Mrs. Murphy, und bringt damit alle drei in tödliche Gefahr.

Rita Mae Brown erzählt die typischen gesellschaftlichen Fauxpas‘ einer Kleinstadt mit Charme und Witz. Die Unterhaltungen zwischen den Tieren, die die Menschen natürlich nicht verstehen können, werfen eine ironische und zum Teil böse Perspektive auf unsere gierige, manchmal ziemlich begriffsstutzige Rasse und zaubern immer wieder ein verschmitztes Grinsen auf das Gesicht des Lesers. Schwer einfach hinzunehmen, dass unsere Tiere uns häufig besser durchschauen als wir selber …

Warmherzig und spannend gelingt Brown ein Roman, den beiseite zu legen schwer fällt, ohne dass einem von der Spannung wirklich der Atem stockt; eine gleichzeitig kurzweilige wie gesellschaftskritische Betrachtung des menschlichen Lebens in Kleinstädten und der ganzen Welt. Das Ende kommt weniger überraschend, als es sein könnte, ohne dabei jedoch den Wert des Ganzen zu schmälern. Das 1991 erstmals bei Rowohlt erschienene Buch eignet sich ebenso für warme Frühlingsvormittage als auch für kuschelige Zeiten an der Heizung.

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die queere Sendung aus Magdeburg

jeden 4.Mittwoch im Monat um 18 Uhr eine neue Ausgabe